
3,5 - Mysterien ist also das dritte Buch, das ich von Hamsun gelesen habe. Zugegeben, es hat seinen eigenen Charme, seine Höhen und Tiefen, wie z.B. die Zerrissenheit der Szene Ich liebe dich Dagny,..., nein ich liebe dich nicht!, Nagels misslungener Selbstmordversuch oder die Begegnungen mit Grögaard. Aber irgendwie fehlt dem Roman das Gewisse etwas, das ich in Hunger oder Segen der Erde nicht missen musste. Die Sprache ist gewohnt einfach und komplex zugleich (sogar problemlos in der Originalsprache zu lesen).
mysteriös... - Dieser Johan Nilsen Nagel! Da provoziert er doch tatsächlich 100 Jahre nach seinem Ableben im Roman noch hier im Internet hauptberufliche Top500-Amazon-Rezensenten. Unerhört!Was will Nagel in der kleinen norwegischen Küstenstadt? Who knows...Zunächst einmal: Hamsuns Mysterien ist einfach zu lesen, keine Schachtelsätze, welche über dann eine halbe Seite gehen, wie man sie beispielsweise von Thomas Mann kennt, sondern nur die tatsächlich notwendige Information zur Beschreibung der Szenen. Natürlich sehr schön formuliert. Der Roman ist aber auch tief, tiefer als der eine oder andere Leser dringen kann. Es ist festzustellen, dass der Roman so mysteriös sein kann, dass man nicht mehr geneigt ist, sich zu fragen, was bezweckte Hamsun, sondern vielmehr, was wurde mit Hamsun bezweckt?Mysterien ist ein absoluter Glücksfall europäischer Literatur!Und war nebenbei bemerkt auch Ideengeber für Werke von Sartre, H. Miller, Kafka, Thomas Mann usw.LESEN! LESEN! LESEN!
Stadtpläne lesen sich einfacher - Es gehört zu den irritierendste Leseerfahrungen, dem Werk eines Nobelpreisträgers, noch dazu eines so einflussreichen Autoren wie Knut Hamsun, nach dem Lesen einfach nicht die gebührende Bewunderung zollen zu können, die es nach allgemeiner Auffasung verdient hat. Gerade als Amazon-Rezensent steht man dadurch schon auf verlorenem Posten.Da aber meine Vorredner in ihren Besprechungen weitgehend nur die lobende Zusammfassung des Inhalts aus dem Klappentext wiedergegeben haben, sehe ich hier meine Chance den Aufbau des Romans und den Wert seines Inhalts kritisch zu bewerten und damit zu begründen, warum mir Mysterien nicht gefallen hat.Der Roman beschreibt den kurzen Aufenthalt des jungen Johan Nils Nagel in einer kleinen norwegischen Hafenstadt. Mit seinem gelben Anzug und dem Geigenkasten, den er immer bei sich trägt, fällt er sofort auf. Bereits an seinem ersten Tag sorgt er für Verstimmungen, als er sich für den verkrüppelten Dorftrottel einsetzt. Er kauft einer alten Frau einen Stuhl ab und besteht darauf, das zwanzigfache des tatsächlichen Werts zu bezahlen. Bei einem feinen Dinér stellt er die intellektuelle Elite der Stadt in Frage. Als Nagel einen Monat später die Stadt wieder verlässt, ist im Leben der Bewohner nichts mehr wie es war. Was in der Zusammenfassung nach einem sympathischen Antihelden klingt, der gegen die bürgerlichen Konventionen rebelliert, bietet im Roman wenig Tiefsinn.Man kann nur spekulieren, ob Hamsun mit der Figur Nagel einen Sympathieträger erschaffen wollte, gelungen ist es ihm nicht. Für den Leser bleibt Nagel derselbe Querulant, wie für die anderen Dorfbewohner. Wir lernen weder etwas über seine Vergangenheit, noch über seine persönlichen Gedanken oder Motive. Der ewige Widerspruch des Protagonisten verkommt bald zum ärgerlichen Verwirrspiel.So zieht Nagel beispielsweise bei einem Empfang für die belesenen Bürger der Stadt zur großen Entrüstung der Anwesenden über Leo Tolstoi her, dessen Werk er als überschätzt ablehnt. Am nächsten Tag wird Nagel auf der Straße auf seine Äußerungen am Vorabend angesprochen, als Reaktion darauf ergeht er sich nun in einer überschwänglichen Lobeshymne auf Tolstoi, die auf den Zuhörer nicht weniger irritierend wirkt, als seine Tirade vom Vorabend. Ebenso verwirrend wirken Nagels Äußerungen auch auf den Leser. Sein unberechenbares Verhalten liefert die im Titel versprochenen Mysterien. Wir wissen nicht, ob er tatsächlich ernst meint, was er sagt, wir können nur sicher sein, dass er am nächsten Tag das genaue Gegenteil sagen wird. Diese lange Serie von Entrüstungen, die Nagel provoziert, bilden den Großteil des Romans. Da man sich aber mit der Zeit an das Maskenspiel und die Neigung zum Schwadronieren des launischen Protagonisten gewöhnt, wirken Nagels Ausfälle und unweigerlich darauffolgende Widerufe nach einiger Zeit nicht mehr als amüsante Provokation, sondern sind nur noch frustrierend für die Geduld des Lesers. Hamsun hatte wohl beabsichtigt, nur mit den Dialogen die Charaktere zu entwickeln, und die Geschichte voranzutreiben. Damit hat er sich aber eindeutig übernommen: Die Gespräche sind zu lang, zu schwerfällig und schlichtweg zu ziellos. Die Charaktere bleiben schablonenhaft flach. Nagel hat nichts zu sagen, aber er tut dies mit Begeisterung. Um den Roman noch eine Spur irritierender zu machen, hat Hamsun nämlich auf eine Ordnung und Strukturierung der Dialoge verzichtet. Seite um Seite wird ohne Absatz oder Interpunktion von Nagels Monologen gefüllt, Widerspruch gibt es nicht. Zusätzlich dazu verzichtet Hamsun auf Anführungszeichen zur Kennzeichnung der Dialoge und besteht auf der Maßnahme, die Heiterkeit seiner Figuren immer auszuformulieren. Die unzähligen Hahahas, Hohohos, Hihihis und Hehehes des Romans erinnern an den Stil von Mickey Maus Heften- ein nachhaltiges Lesevergnügen, das mein Vorredner zu erkennen glaubte, brachte mir diese Sprache nicht. Wenn es Hamsuns Absicht war, den Leser zu verwirren, dann hat er dieses Ziel erreicht. Auch das Ende des Romans gibt keine Erklärungen für das Handeln des Protagonisten. Da der Roman damit keine Hauptfigur liefert, dessen Äußerungen und Denken man nachvollziehen kann, bleibt er eine lange Aneinanderreihung von Brüskierungen durch Nagel, die er im nächsten Kapitel abschwächt oder wiederruft. Und da er seinen Provokationen keine Taten folgen lässt und auch nie wirklich hinter dem steht, was er sagt, wirkt Nagel eher wie ein großmäuliger Wichtigtuer, als ein intellektueller Ausländer des Daseins.Ein paar nette Landschaftsbeschreibungen und eine kleine Handvoll lustiger Szenen sind mir einen zweiten Stern wert- aber das ist noch sehr großzügig. Ich empfand das Lesen von Mysterien als eine anstrengende und- mangels einer Auflösug- schlussendlich unbefriedigende Strapaze und war sehr froh, als ich den Roman endlich beendet hatte.Das Nachwort des Hamsun-Biographen Baumgartner zeigt übrigens, dass Hamsun am Schluss selber den Überblick über seinen Roman verloren hat. In einem Brief schrieb er: Und das Buch schwillt an und schwillt an, ich verstehe es nicht mehr. Ich will, dass es bald jemand untersucht, der sich auskennt. Der Teufel mag es holen.Da kann ich dem Dichter nur zustimmen.
Ein Protest gegen den Alltag - Ein Mann kommt in einem knallgelben Anzug und einem Geigenkasten in einer norwegischen Küstenstadt an. Er schlägt sich sofort auf die Seite eines recht einfältigen Einheimischen, er verliebt sich unglücklich, er erzählt Lügen die er sofort wieder korrigiert (oftmals auch Lügen, die er gar nicht erzählen müsste, es aber trotzdem macht und sich nur selbst damit schadet), er hat eine eigensinnige Meinung über Politik und Literatur, er stellt Fragen deren Sinn und Zweck sich irgendwie erst später offenbaren, er erzählt seltsame Geschichten, ausserdem ist er mal überglücklich, wenige Augenblicke später zutiefst betrübt. An manchen Stellen hat man das Gefühl es mit einem Schizophrenen zu tun zu haben.Anfangs wird man die Hauptfigur Johan Nils Nagel wohl noch mögen, im Laufe des Buches verwirrt er einen immer mehr.Knut Hamsun hätte sich keinen besseren Titel für das Buch ausdenken können. Der Held in diesem Werk ist wirklich ein Mysterium und das macht ihn zu einer der interessantesten Figuren der Literatur die ich kenne. Langweilig wird einem das Lesen hier nicht, eben weil Johann Nils Nagel unberechenbar ist.Interessant anzumerken sei hier auch noch die Sprache Hansums. Dialoge, innere Monologe, sowie auch die Erzählstimme werden hier zu einem grossen Text vermischt. Keinerlei Anzeichen für wörtliche Rede oder sonstiges. Stockungen in der Rede werden mit Pause kenntlich gemacht...das und noch einiges mehr machen die Sache zu einem, vielleicht nicht ganz leichten, aber nachhaltigen Lesevergnügen.Knut Hamsun hält hier der Gesellschaft einen Spiegel vor, allerdings in der Form, dass auch der Held selber keine Lehre daraus ziehen kann. Es ist wohl ein Roman des Widerspruchs, in dem der Held die Wahrheit anklagt und ihr nur mit Lügen gegenübertreten kann.
Opfer des eigenen Querulantentums - Was für ein seltsamer Beginn. Ein Mann kommt per Schiff in einer kleinen norwegischen Küstenstadt an, er ist allein und trägt einen gelben Anzug. Woher er kommt, wohin er will, wovon er lebt, das ist alles unbekannt. Sein Name ist Johan Nils Nagel, er ist ein wundersamer Exzentriker. In dem Geigenkasten, den er mit sich führt befindet sich nur schmutzige Wäsche. Er lässt sein Gepäck zurück, fährt weiter, kommt dann aber über den Landweg am nächsten Tag zurück. Er schickt sich selbst Telegramme, lässt sie im Hotel liegen, jeder kann sie lesen. Er erzählt eigenartige Geschichten. Man glaubt ihm auch nicht, dass er keine Geige spielen kann, wenn er auch den Geigenkasten zweckentfremdend nutzt.Er ist ein hysterischer Mensch, ein postmoderner Held. Er nimmt Meinungen und Ansichten an, verwirft sie dann wieder. Man erfährt eigentlich sehr wenig über ihn. Er ist irgendwie verzweifelt, weil er unglücklich verliebt ist. Alles wird ein trauriges Ende nehmen. Er erzählt erstaunliche und bezaubernde Anekdoten die seine ironische Beziehung zur Welt anzeigen. Er ist einmal Himmel hoch jauchzend dann wider zu Tode betrübt, dann wieder extrem exaltiert. Es ist eine ungewöhnliche Geschichte und dieser Autor versteht es Dinge zu erzählen die nicht explizit sind. Nagel verblüfft die Einheimischen immer wieder aus Neue, deshalb wird er auch an einer Stelle treffend als „Ausländer des Daseins bezeichnet.Das Buch ist 1891/1892 geschrieben worden. Zu dieser Zeit hatte der Autor, ein junger Querulant, eine äußerst turbulente Zeit verbracht. Der Nobelpreisträger Hamsun wurde im hohen Alter von über 80 Jahren Mitläufer der Nazis. Er hat seine politischen Ziele aber nie erreicht. Das hat ihn tief enttäuscht. Im Alter war er ein Starrkopf, eine tragische Gestalt.Das Buch hält immer wieder neue Überraschungen für den Leser bereit.