
Verstrickung - Rache an sich selbst zu nehmen, ist ein schlechter Ratgeber, wenn man sitzen gelassen wurde. So wird Fräulein Julie, die es wegen einer gescheiterten Verlobung in die Arme ihres Untergebenen Jeans treibt, Opfer ihres Ausbruchs. Bei dem Stück könnte es sich um ein Sozialdrama handeln. Nicht selten empfinden Leser den schonungslosen Blick Strindbergs als eine Auseinandersetzung zwischen oben unten, zwischen Gutsbesitzertochter und Lakai. Jean erscheint unter dem Licht als gewieft, als ein Mann, der sich weit vorwagt und seine Niederlage, die Angst seine Arbeit wegen Julies Moment der Schwäche zu verlieren, zu übertünchen versteht. Strindbergs spätere quälende Auseinandersetzung mit der Suche nach dem Ich, den Mysterien findet in Fräulein Julie erste Wurzeln. Eine Frau erniedrigt sich unter ihrem Stand und sieht sich in einem Ringen zwischen Mann und Frau versetzt, bemüht sich ihre Herablassung, Überlegenheit zu behalten, um sich nicht ganz dem Selbstekel zu überantworten. Dabei ist der Blick auf Jean und der Magd Christine von romantischer Verklärung. Die Magd ist träge, der Lakai besserwisserisch, kraftmeierisch. Auch wenn Jean Fräulein Julie das Rasiermesser in die Hand drückt, scheinbar der Überlegene ist, wird er weiter am Ende der Leiter ausharren. Im Gegensatz zu den komplexeren Stücken nach Damaskus, Totentanz erscheint Strindbergs Welt in diesem Stück homogen, einfach gestrickt. Doch sind die psychologischen Verwerfungen seiner Figuren abgründig genug, um eine spannende Handlung zu entwerfen. Wäre es zu der vorgesehenen Verlobung gekommen, wären die Grundfesten dieser Welt wohl kaum ins Wanken gekommen.
Typisch Naturalismus - Das Fräulein Julie ist eine launenhafte und eigenartige Adelige, die in den Tag hinein lebt und sich nicht um die Ehre des Hauses schert oder die echten Bedürfnisse ihrer Angestellten. Ihr Diener Jean, der aus niederem Adel stammt und einst in sie verliebt war, beginnt dem Fräulein der Karriere wegen schöne Augen zu machen, woraus zunächste ein merkwürdiges Verhältnis zwischen den beiden entsteht. Er stellt jedoch schon bald fest: Ich kann Sie zur Gräfin machen, aber Sie mich nicht zum Grafen, und entscheidet sich gegen das Zusammensein mit ihr. Die Köchin Kristin erscheint dagegen als in sich gefestigte Angehörige der Arbeiterklasse, stolz, moralisch, anständig. Ein tolles Stück über den Sittenverfall, mit teils dem Naturalismus entsprechend ellenlange Regieanweisungen und Beschreibungen.
Der schwedische Klassiker schlechthin... - Ähnlich wie wir Deutschen unseren Goethe haben, haben die Schweden ihren Strindberg. Und genau wie hier jeder Faust kennt, ist es in Schweden Fröken Julie. Fräulein Julie ist ein sehr schönes Drama, das etwas an Hebbels Maria Magdalena erinnert. Fräulein Julie lebt von Gegensätzen. Die obere Gesellschaftsschicht trifft auf die niedere und beide dürfen nicht miteinander vermischt werden, wenn man in der Gesellschaft bestehen will. Während Jean von einem großen Aufstieg träumt, verliebt sich die adelige Julie in den Angestellte. Ihre Bemühungen um dessen Liebe werden jedoch nicht nach ihren Vorstellungen erwidert, sondern führen zu ihrem Untergang.Das Stück liest sich flüssig in einem Zug weg. Auch wenn ich kein großer Freund dramatischer WErke bin, hat mich das Schicksal der Fräulein Julie schier mitgerissen. Fazit: Ein definitiv lesenswerter Klassiker!