Nordeuropa : Ein Traumspiel

Ein Traumspiel

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Nichts ist so, wie ich es mir gedacht habe (ebd.) - August Strindberg (1849-1912) konnte in der Friedenszeit zwischen 1871 und 1914 seine größte Schaffenskraft erlangen. Die Welt, aufgeklärt und revolutioniert im Geist und in den Klassen, war erfüllt vom Fortschrittsglauben. Ungeahnte Veränderungen der Welt, der Naturwissenschaft, der Technik und der Verkehrsmöglichkeiten erzeugten im Menschen eine Flucht aus dem natürlichen Leben hinein in die Strömungen der Zeit und doch im Willen, die Persönlichkeit zu halten im Ringen um die höheren Mächte. Das Traumspiel aus dem Jahre 1902 ist entrückte Wirklichkeit in Traum und Spiel, alles kann geschehen was möglich ist. Raum und Zeit werden aufgelöst, vergessene Wirklichkeit ist Nährboden für Phantasie, in dem die Persönlichkeit des Ichs gespalten, verdoppelt wird, Personen sich vertreten oder ineinander verschmelzen. Das Ich des einen erfährt die moderne Vervielfachung durch die geträumte Forderung von Improvisation. Dieses neue Bewusstsein einer Zeit, in der Veränderung und Fortschritt, das immerweiterwollen sich manifestiert, ist umwebt mit einem besonderen Bewusstseins: das des Träumers.Die Methode Traum wird zur Bewältigung der Wirklichkeit herangezogen, Neuorientierung in einer Welt, die sich aus dem erlebten Traum anders wahrnehmen lässt, wie es Hofmannsthal (Der Turm, 1926), Grillparzer (Der Traum ein Leben, 1840) oder Calderon (Das Leben ist ein Traum, 1636) bereits bestens vorbereitet hatten. Der Träumer kennt keine Grenzen, keine Geheimnisse, keine Konsequenzen, für ihn ist alles Leben Bericht. Und dieser Bericht belehrt den Menschen über seine Unzulänglichkeiten. Im angepassten Leben verliert der Mensch seine Persönlichkeit, gespalten in mehrere Ichs zeigt er sich als Offizier, Advokat oder Dichter. Erst in der Tochter der Gottheit Indra zeigt diese Strindberg Dichtung die mögliche Einheit. Diese Tochter, die dem Götterberg entstieg, um das Menschenlos wie Grillparzers Sappho zu teilen. Doch dieses Hinabsinken nimmt kein Ende. Auch in der Gesellschaft der Menschen angekommen, sinkt sie tiefer in die Misere. Bilder und Erkenntnisse offenbaren ihr all die Fehlleistungen, so dass für sie das Wort: Es ist schade um die Menschen zu einer Trauererkenntnis wird, die gerade im Dialog zwischen Tochter und Advokat die Empfindungen aller Verbrechen spiegelt. Wie wurde sie verkehrt? diese Welt, die sich im Spiegel richtig zeigt. Verkehrt wurde sie, als man das Abbild herstellte und wer sich der Urbilder erinnert, gebiert Unzufriedenheit mit dem Gegenwärtigen.Welch Anlehnung an Platon, der Abbild und Erinnerung des Urbildes zum Streben nach dem Höchsten als Maxime ausgab und nun hier Strindberg im Sinne der Religion gleiches in der Tochter Indras verheißt. Weil der Streit zwischen den wissenschaftlichen und spirituellen Fakultäten bar jeder Vernunft sich zeigt, reicht die Klage des Menschen nicht an ihr Ziel der Erlösung, sie bleibt in diesem Vorstadium ewig und erfolglos und letztendlich offeriert Strindberg die Liebe als Mittel zur Freude in den Grenzen vom Bittersten zum Süßesten, vom Niedrigsten zum Höchsten.Folgerichtig wird der alttestamentarische Ansatz zur Ermahnung: Hadere nicht mit Gott sagt die Mutter (das Über-Ich) des Offiziers. Aber gerade ist es Strindberg selbst in wissender Ambivalenz, der dieses Stück als ein Anti-Hiob gegenüber Gott wegen der Bürde des menschlichen Seins verfasst. Ihm ist der Existentialismus Kierkegaards anzumerken, der die Persönlichkeit, das wahre Ich in den Ring wirft, um Christ sein als Christ werden zu begreifen. So wie der Begriff Gleichzeitigkeit bei Kierkegaard eine messianische Zeit (Zeit, die bleibt) verheißt, ist dieser Traum ein Spiel, der alle Zeiten in einem ewigen Augenblick zum Bestand erklärt. Die im Traum selbst gemachte Welt ist so sicher in diesem Spiel, wie die Gewissheiten dieser Wirklichkeit. Die gehen im Prozess des Lebens verloren, so wie das Erwachen den Traum beendet. Es weiß der Leser am Ende: Nichts ist so, wie ich es mir gedacht habe. Warum? Weil der Gedanke mehr ist als die Tat, höher als die Wirklichkeit. Konnte Dein Wort auch nur ein einziges Mal deine Gedanken einholen?, so die Frage an den Dichter in Kleistscher Manier.Diese wunderliche Welt der Widersprüche! zeigt sich am Ende lösbar, wenn man zur Besinnung kommt. Wieder die biblische Allegorie, 40 Tage und Nächte muss man bleiben, lieber will man ins Wasser gehen, um dem Schmerz zu entfliehen, erinnert als Aussage an Ibsens Rosmersholm. Dennoch soll geglaubt werden, dass rote Rosen weiß werden, wenn die unschuldige Liebe alles besiegt hat. Ich sehe nicht, ich höre sagt der Blinde und sehend wird er, weil die Tränen der Mühsal die Gläser vor den Augen zuweilen waschen müssen, damit man klarer sehen kann! .... So schließt der Advokat nach Strindbergs Vorgabe: Es ist nicht die Menschheit, die so schlecht ist ... sondern ... die Art, in der sie gelenkt wird ...Darf Gottesebenbild verfallen und verblühn? ... / ... Schweig Vorwitziger! ... Nicht tadle das / Geschöpf den Schöpfer! / Des Lebens Rätsel löste keiner noch! Indras Tochter jedoch berichtet von der Last, ein Mensch zu sein und weiß um die Versöhnung mit der Wirklichkeit. Strindberg zeigt sich als der Wachsame unter den Schläfern und Träumern, den weißen Punkt am Horizont sehend, erkennt er das selbstbewusste Ich auf der Titanic des Lebens. #~




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